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Schmalspurbachelor oder Fortschritt Bologna?
von Mira-Kristin Muth
Die Einführung des neuen Bachelorsystems wurde heftig diskutiert. Bedenken wurden laut, Deutschland als Hochschulstandort würde geschwächt, ein Studium von nur drei Jahren Dauer könne unmöglich die nötigen Kompetenzen in Fächern wie beispielsweise Psychologie oder Physik vermitteln. Und was würde mit dem angesehenen Titel des Diplomingenieurs passieren?
Im Zuge der Angleichung der Studienstrukturen und -abschlüsse verabschieden sich die Hochschulen mehr oder weniger gezwungen von den alten Vertrauten Magister und Diplom, bis im Jahr 2010 die Studiengänge aller europäischen Hochschulen einander angeglichen sein sollen. Unser Hochschulsystem befindet sich in dem umfassendsten Reformprozess seit den 1970er Jahren.
Worin unterscheidet sich der Bachelor von den alten Abschlüssen? Und welche Chancen haben Absolventinnen und Absolventen auf dem Arbeitsmarkt?
Fakten
Die Einführung gestufter Studienabschlüsse (Bachelor, Master) soll jüngere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf den Markt bringen. Bereits nach sechs Semestern bietet sich mit dem Bachelor ein berufsqualifizierender Abschluss. Möglich ist eine flexiblere Studienplanung, denn die Absolventinnen und Absolventen können anschließend entweder sofort ins Berufsleben eintreten, ein Masterstudium beginnen oder zunächst arbeiten, um sich später mit dem Master zu spezialisieren.
Der Master ist als weitere Qualifizierung für wissenschaftlich Denkende gedacht. In der Regel müssen sich die Bachelorabsolventinnen und -absolventen hier neu bewerben und ein Auswahlverfahren bestehen. Ein schlechter Bachelorabschluss kann so das vorzeitige Ende der Unilaufbahn bedeuten.
Punktesystem und Module
Neben den verkürzten Studienzeiten unterscheidet sich der Bachelor von den traditionellen Studiengängen darin, dass die Studierenden schon während des Studiums verschiedene Prüfungen ablegen müssen, die beweisen, welche Leistungen bereits erbracht wurden. Diese werden nach dem „European Credit Transfer System“ (ECTS)-Punktesystem bewertet, das den europaweiten Vergleich erleichtert.
Inhaltsnahe Lehrveranstaltungen werden darüber hinaus in themenverwandten Modulen zusammengefasst, um für eine straffere Organisation der Stundenpläne zu sorgen. Die Veranstaltungen sollen sich höchstens über zwei Semester ziehen und wenn möglich für mehrere Fachrichtungen offen stehen. (In Betriebswirtschaftslehre wäre beispielsweise ein Modul „Marketing“ möglich.)
Die Hochschulen sollen außerdem die Qualifikationsziele der einzelnen Bereiche definieren, um den Studierenden die Planung des Studiums zu erleichtern. Zur besseren Orientierung der Studierenden sollen auch die Mentorinnen und Mentoren beitragen. Von Beginn des Studiums an wird jedem eine solche Person zur Seite gestellt, um für die persönliche Betreuung zu sorgen.
Diploma Supplement
Das Abschlusszeugnis schließlich besteht zusätzlich aus dem „Diploma Supplement“. Dieses enthält ergänzende Informationen zu Art, Niveau und Inhalt des Studiums. Es präzisiert Schwerpunkte und beschreibt Art und Dauer der Abschlussarbeit sowie der absolvierten Praktika. Somit erleichtert das Diploma Supplement, in dem auch die erreichten ECTS-Punkte vermerkt sind, ferner einen europaweiten Vergleich und verleiht dem jeweiligen Studiengang sein eigenes Profil.
Allgemein sollen die Bachelorstudiengänge mehr an der Praxis orientiert sein als ihre Vorgänger Diplom und Magister, was den Berufseinstieg erleichtern soll.
Unterschiede trotz Vereinheitlichung
Trotz dieser Vereinheitlichung des Hochschulraums unterscheiden sich die einzelnen Bachelor-Studienangebote jedoch stark voneinander. Sie variieren nicht nur von Land zu Land, sondern auch hochschulabhängig. So qualifiziert ein deutscher Bachelorabschluss nicht unbedingt für ein Masterstudium in Großbritannien. Vorteile bieten hier Hochschulen, die im Ausland Verträge geschlossen haben. So wird sichergestellt, dass der deutsche Bachelorabschluss genauso viel wert ist wie der anderswo.
Welche Hochschule eine gute Ausbildung bietet, erfragen die angehenden Studierenden am besten vor Ort bei den einzelnen Studienberatungen. Dr. Peter Wex von der Freien Universität Berlin empfiehlt zudem, sich die Zeit zu nehmen, in Lehrveranstaltungen selbst einmal reinzuhören und sich so ein Bild zu machen. Sinnvoll ist auch, einschlägige Arbeitgeber zu befragen, was sie von den einzelnen Studienangeboten halten oder mit Studierenden des Studiengangs Kontakt aufzunehmen.
Pro und Contra
Inwiefern profitieren die Studierenden von heute nun von der Umstellung auf Bachelor und Master? Als positiv ist einerseits die verkürzte Studiendauer zu werten, die andererseits jedoch die Frage aufwirft, inwieweit das Studium an Qualität und wissenschaftlicher Tiefe verliert. Durch sie entsteht zudem ein enormer Druck für alle Studierenden, das Lernpensum tatsächlich in der vorgegebenen Zeit zu schaffen. Und wo sollen Praktika untergebracht werden, ohne die es auch Bachelorabsolventinnen und -absolventen schwer fällt, direkt nach dem Studium einen Job zu finden? Manche Studiengänge haben Auslands- und Praktikumsphasen integriert, andere nicht. Aber genau davon hängt es ab, ob die Studierenden wirklich ins Ausland gehen oder daheim bleiben. Laut einer Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) entscheidet sich nur jeder Zwanzigste dafür, wenn es ihm freigestellt ist, ein Auslandssemester einzulegen.
Das „Punktesammeln“ wird zu einer der wichtigsten Aufgaben im Studium, nebenher bleibt wenig Zeit, sich umfassend zu bilden. Sich in andere Veranstaltungen zu setzen die keine ECTS-Punkte bringen ist kaum mehr möglich. So wird auch das soziale Klima an der Hochschule härter. Besonders zu leiden haben diejenigen, die nebenher arbeiten müssen oder Kinder zu versorgen haben. Da bei dem neuen System Anwesenheitspflicht besteht und häufig Leistungskontrollen durchgeführt werden, wird es für solche Hochschülerinnen und -schüler kaum mehr möglich sein, das Studium in der vorgesehenen Zeit zu absolvieren. Andererseits sorgen diese Leistungskontrollen während des Studiums für eine bessere Studierbarkeit, denn das so genannte dicke Ende kommt nicht erst drei Jahre nach Studienbeginn. So wissen die Studierenden schon früh, wo sie stehen und welchen Teil des Studiums sie bereits abgeleistet haben.
Ein weiterer positiver Punkt ist die erhöhte Internationalität und Mobilität, die der neue Abschluss mit sich bringt. Auch ausländische Universitäten und Arbeitgeber können etwas mit dem Bachelor anfangen, ein europaweiter Vergleich ist möglich und Studierende können leichter den Studienstandort wechseln sowie sich später im Ausland um eine Arbeitsstelle bemühen. Auch die flexiblere Studienplanung ist eine positive Veränderung, die die neuen Abschlüsse mit sich bringen.
Mit dem Master werden einerseits deutlich inhaltliche Schwerpunkte gesetzt, andererseits stellt er auch eine hohe Hürde dar, die nur die Besten überwinden. Die Hochschulen setzen die Zugangsbedingungen selbst fest, jedoch kann eine Bachelorabsolventin oder ein Bachelorabsolvent mit nur durchschnittlichen Noten nicht unbedingt mit einem Masterstudienplatz rechnen. Für Berufe, bei denen ein Masterstudium zur Ausübung des Berufes notwendig ist, wie beispielsweise Lehrerin oder Lehrer, existieren jedoch oft gesonderte Regelungen.
Dass die einzelnen Bachelor-Angebote sich deutlich voneinander unterscheiden, macht eine pauschale Bewertung schwer. Ein hoher Bezug zur Praxis soll bei allen Studiengängen gewährleistet sein, jedoch sieht die Wahrheit nicht immer so aus. Eine Studie des Centrums für Hochschulentwicklung zeigt, dass nur 20 Prozent der untersuchten Studiengänge die Note „gut“ oder „sehr gut“ bekamen.
Hier erfährst Du noch mehr über ein Bachelorstudium in Deutschland und hier erhältst Du alle Informationen über ein Studium im Ausland.
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